BARRIEREN STATT KARRIEREN. MIGRANTISCHE HüRDENLäUFE IN DEUTSCHLAND


Sportarena Deutschland. Finallauf. Qualifikationsläufe und Wettkämpfe liegen hinter dem Athleten. Nun ist er hier, am Ende seiner Mühen. Die Registrierung ist geschafft, die Starterlaubnis erteilt. Der Spitzensportler steht bereit. Konzentriert starrt er auf die rote Tartanbahn, 100 Meter Hürden. 1 – 2 – 3 – PENG! Der Startschuss ertönt. Er wuchtet sich aus dem Startblock, läuft, sprintet, springt. Die erste, die zweite, die dritte Hürde. Die Zielgerade, nur noch wenige Meter, dann ist es geschafft – doch plötzlich: er stürzt. Die Hürde gleicht einer Mauer, unüberwindbar.

Was auf den ersten Blick wie ein Sportbericht erscheint, beschreibt in Wirklichkeit ein ganz anderes Szenario: Die Situation hochqualifizierter Migranten und ihr beruflicher Hürdenlauf in Deutschland. Ausländische Akademiker haben in ihren Heimatländern oft lange Ausbildungswege bewältigt, nach dem Studium bereits Berufserfahrung gesammelt und weisen exzellente Fachkenntnisse auf. Kommen sie aber nach Deutschland, nützen ihnen diese Fähigkeiten oftmals wenig und sie landen in der beruflichen Sackgasse: Statt Karrieren gibt es Barrieren. Gerade hochqualifizierte Migranten aus nicht Nicht-EU-Ländern haben einen vergleichsweise schlechten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt.
Die Folge: Sie arbeiten in fachfremden Berufen oder in niedrig qualifizierten Beschäftigungsverhältnissen: aus Akademikern werden meist Hilfsarbeiter. So arbeiten ukrainische Ingenieure als Kraftwagenfahrer, serbische Lehrerinnen als Putzfrau, russische Ärzte als Krankenpfleger. Zwar liegt das durchschnittliche Qualifikationsniveau deutscher Migranten im internationalen Vergleich lediglich im Mittelfeld; dennoch verfügen – nach einer Studie von Docquier und Marfouk aus dem Jahr 2007 – immerhin 25 Prozent der ausländischen Bevölkerung über 25 Jahre über einen hohen Bildungsab-schluss.  Laut Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sind allerdings fast 19 Prozent der hochqualifizierten Ausländer und sogar 43,6 Prozent der hochqualifizierten Spätaussiedler arbeitslos. Unglaublich viel Potenzial geht dadurch verloren. Potenzial, das Deutschland dringend braucht, denn schon jetzt beklagt die Wirtschaft einen Expertenmangel.
So beziffert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) das Defizit an Fachkräften auf rund 400.000 Personen; etwa 23 Milliarden Euro entgehen der Wirtschaft allein im Jahr 2007, rechnet DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben vor. Schon jetzt ist klar: Deutschland kann den Bedarf vom eigenen Markt nicht decken. Umso größer ist das Paradox: Es mangelt an gut ausgebildeten Fachkräften, gleichzeitig werden hochqualifizierten Migranten fast unüberwindbare bürokratische Hürden auferlegt. Tagtäglich findet so an deutschen Arbeitsplätzen „brain waste“ statt.

Trotz dieser enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verluste fristen Hochqualifizierte und mit ihnen ihre Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt in der öffentlichen Debatte ein Schattendasein. Während kanadische Wissenschaftler diese Problematik bereits unter dem volkswirtschaftlichen Terminus „skill underutilization“ erforschen, wird sie in Deutschland wissenschaftlich und empirisch bislang kaum erfasst. Auch der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes beschreibt das Phänomen nicht, verlässliche Daten zur Korrelation von Bildungsabschluss aus dem Herkunftsland und tatsächlichem Beschäftigungsverhältnis im Zielland Deutschland fehlen. Nicht umsonst spricht der Soziologe Rolf Meinhardt von der Universität Oldenburg auch von der „ignorierten Elite.“

Doch die Politik wacht langsam aus ihrem Dornröschenschlaf auf und realisiert Handlungsbedarf: Als erstes europäisches Land hat Großbritannien den Mangel hochqualifizierter Fachkräfte dokumentiert. 2007 berufen, präsentierte die britische Expertenkommission MAC (Migration Advisory Commitee) kürzlich eine Liste mit Mangelberufen, die sie als „weltweit umfassendste jemals vorgenommene Analyse“  preist. Die unabhängigen Wirtschaftswissenschaftler und Arbeitsmarktexperten konzentrieren sich dabei ausschließlich auf qualifizierte Berufe, für die eine Ausbildung oder ein Studium nötig sind. Ihr Befund: Insgesamt etwa 700.000 qualifizierte Kräfte aus dem Ausland werden gebraucht, um den britischen Fachkräftemangel zu kompensieren.  Ein riesiger Bedarf, der nur durch gezielte Anwerbung gedeckt werden könnte.
Auch in Deutschland gilt die Steuerung mittlerweile als erklärtes politisches Ziel. So legte die Bundesregierung kürzlich den Entwurf eines Gesetzes zur arbeitsmarktadäquaten Steuerung der Zuwanderung Hochqualifizierter vor (16/10288), der unter anderem Neuregelungen des Aufenthaltsrechts vorsieht. Die Einführung eines Paragrafen 18a in das Aufenthaltsgesetz garantiert einen sicheren Aufenthalts-status für beruflich gut qualifizierte Ausländer und öffnet den Arbeitsmarkt für Akademiker aus EU-Ländern vollständig. Sogar ein Punktesystem wie in Kanada – jahrelang ein deutsches Tabu – ist wieder im Gespräch. Mit der Steuerung der Einwanderung befasst sich auch der im Oktober 2008 von acht namhaften deutschen Stiftungen ins Leben gerufene „Sachverständigenrat für Integration und Migration“. Unter Leitung des renommierten Osnabrücker Migrationsforschers Klaus J. Bade soll über integrations- und einwanderungspolitische Fragen berichtet werden. Gutachten und Jahresberichte sollen fundierte Handlungsempfehlungen für die Politik geben. Diese sind auch dringend notwendig, betrachtet man die Hürden, die qualifizierte Migranten im Wege stehen.

Migrantische Hürdenläufe in Deutschland  

Hochqualifizierte Migranten in Deutschland sind wie Leistungssportler, die für Olympia trainieren, alle sportlichen Voraussetzungen erfüllen und am Ende an formalen Kriterien scheitern. Zwar verabschiedete die Bundesregierung 2004 mit dem Zuwanderungsgesetz Erleichterungen für die Zuzug Hochqualifizierter nach Deutschland, doch der große Ansturm auf die Republik blieb aus: Weniger als 1000 Hochqualifizierte wanderten seitdem jährlich ein. Die Erklärung freilich liegt auf der Hand: In §19 gelten als hochqualifiziert insbesondere „Wissenschaftler mit besonderen fachlichen Kenntnis-sen“, „Lehrpersonen (…) oder wissenschaftliche Mitarbeiter in herausgehobener Funktion“ oder „Spezialisten und leitende Angestellte mit besonderer Berufserfahrung, die ein Gehalt in Höhe von mindestens dem Doppelten der Beitragsbemessungsgrenze der gesetzlichen Krankenversicherung erhalten.“
Das sind hohe Anforderungen, zumal die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis für Spezialisten an ein jährliches Bruttomindesteinkommen von derzeit 85.000 Euro gekoppelt ist; diese Summe soll zwar ab 2009 auf 63.600 Euro gesenkt werden, dennoch zielt der Paragraf eher auf renommierte Wissenschaftler und Führungspersonal, nicht aber auf Berufsanfänger, Studienabgänger oder den gut qualifizierten Mittelbau.
Neben dieser starren rechtlichen Bestimmung ist die Nicht-Anerkennung von im Heimatland absolvierten Bildungsabschlüssen eine weitere große Hürde auf dem Weg ins Erwerbsleben. Nach Schätzungen der Universität Oldenburg leben eine halbe Million ausländischer Fachkräfte in Deutschland, deren Abschlüsse nicht anerkannt werden. Genau dies soll auf Initiative von Staatministerin Maria Böhmer (CDU) nun anders werden. Denn in Deutschland herrscht derzeit eine absurde Situation: Während seit Jahren ausländische Ingenieure oder Informatiker ohne anerkannten Abschluss hier leben, aber nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten können, will die Bundesregierung „Spitzenköpfe“ gerade aus diesen Berufsgruppen aus dem Ausland „importieren“.  

Dieses Hindernis hat auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erkannt und analysiert derzeit Problembereiche im Anerkennungsverfahren ausländischer Abschlüsse, um Lösungsvorschläge zu entwickeln. Die Anerkennung betrifft zwar primär diejenigen Berufe, die mit Staatsexamina abgeschlossen werden, wie zum Beispiel Medizin und das Lehramt. Aber auch Ingenieure und Informatiker sind betroffen. Probleme bereiten vor allem hohe deutsche Standards sowie die schwierige Äquivalenz von Abschlüssen: Wie ist der im Herkunftsland gelernte Beruf oder der erreiche Abschluss in Deutschland zuzuordnen? Sind Abschlüsse gleichwertig? Unterschiedliche Klassifikationssysteme – gerade im medizinischen Bereich – und in Deutschland unbekannte Berufe erschweren die eindeutige Zuordnung. Ohne anerkannten Abschluss aber gelten Migranten als ungelernte Fachkräfte. Diese Nicht-Anerkennung hat enorme soziale und wirtschaftliche Folgen. So spricht Rolf Meinhardt, Migrationsforscher an der Universität Oldenburg, von einer „traumatische(n) Erfahrung der Deklassierung“ , denn der Nicht-Anerkennung von Diplomen folgt die Aberkennung des sozialen Status.

Innovative Wege gehen

Der Schrei nach Integration ist laut – die Möglichkeiten in der Praxis dagegen sind beschränkt. Bislang gibt es für Hochqualifizierte oftmals lediglich Schwarz-Weiß-Lösungen: Entweder der Abschluss ist anerkannt – oder eben nicht. Angebote zur Weiterbildung oder Nachqualifizierung sind Mangelware, ohne Anerkennung bleibt den Migranten meist nur eine Beschäftigung in niedrig qualifizierten Bereichen – oder die Suche nach einer Alternative. Fündig werden zumindest einige an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Seit 2002 bietet die Bildungs- und Sozialwissenschaftliche Fakultät ein europaweit einzigartiges Projekt zur gezielten Weiterbildung von Migranten an, den Studiengang „Interkulturelle Bildung und Beratung“. Hochqualifizierte Migranten mit „pädagogischer, sozialpädagogischer oder sozialwissenschaftlicher Grundausbildung“ können dort den international anerkannten „Bachelor of Arts“ ablegen und damit einen berufsqualifizierten Abschluss erreichen, um ihre Berufschance auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu erhöhen. Der große Erfolg führte zur Einführung eines Studiengangs für Informatiker mit Migrationshintergrund zum Wintersemester 2008/2009; auch für Ingenieure ist die Einrichtung geplant.

Ein ähnliches Prinzip liegt auch dem Otto-Benecke-Akademiker-Programm zu Grunde. Über organisierte Praktika sollen Migranten, orientiert an den im Heimatland erworbenen Kenntnissen, in den deutschen Arbeitsmarkt eingegliedert werden. Flankiert von Deutschkursen auf akademischem Niveau soll den jährlich cirka 1.500 Stipendiaten die Tür in das Erwerbsleben geöffnet werden. Die Sprachkurse sind dabei ein entscheidendes Moment. Denn auch hier sind die Bemühungen der Bundesregierung derzeit noch fern jeglicher Realität. Die Einführung verpflichtender Integrationskurse für neuzugewanderte Ausländer wird zwar als großer migrationspolitischer Wurf besungen; sang- und klanglos geht dabei allerdings unter, dass die Kurse lediglich bis zum unteren Mittelstufen-Niveau (B1) reichen. Damit können hochqualifizierte Migranten zwar im Alltag kommunizieren, für eine berufliche Tätigkeit in ihrer Profession reicht das natürlich bei weitem nicht. De facto findet mit dem nicht vorhandenen Sprachangebot eine Selektion statt: Nur hochqualifizierte Migranten, die es sich leisten können, mehrere hundert Euro pro Monat für Sprachkurse auszugeben, können die Sprachkenntnisse ihrem Ausbildungsniveau anpassen. Dabei ist klar: Je höher Migranten qualifiziert sind, desto höher sind die Erwartungen an gute Sprachkenntnisse durch potenzielle Arbeitgeber.

Integration ermöglichen

Deutschland leidet unter Fachkräftemangel – und „verschwendet“ gleichzeitig viel Potenzial. Dieses Dilemma kostet die Volkswirtschaft jährlich Milliarden Euro im zweistelligen Bereich, ganz zu schweigen von den Kosten für den Einzelnen. Die Politik reagiert bislang langsam und partiell, hat aber keine kohärente Strategie für die Integration ausländischer Hochqualifizierter in das Erwerbsleben. Und das, obwohl eins ist klar ist: „Wenn wir Zuwanderung zulassen, ohne Angebote auf Integration zu bieten, können wir keine Fortschritte erzielen, hoch Qualifizierte in den Arbeitsmarkt zu bekommen“, so Prof. Dr. Klaus F. Zimmermann, Präsident des DIW Berlin.  Journalist Richard Herzinger kritisiert darüber hinaus die gesellschaftliche Wahrnehmung gut ausgebildeter Migranten: „Qualifizierte Ausländer drohen demnach erst noch zu qualifizierenden Deutschen die zukünftigen Arbeitsplätze wegzunehmen. In Wahrheit beleben sie die Wirtschaft, ziehen das Niveau nach oben und die Einheimischen mit. Wer das nicht versteht, gerät in der globalisierten Ökonomie auf die Verliererstraße.“  Um aber Spitzenakademiker zu gewinnen, muss gezielt um sie geworben werden. Vereinfachte Aufenthaltsbedingungen, vereinfachte Verfahren für die Anerkennung von Bildungstiteln, Möglichkeiten zur Nachqualifizierung und die Ausweitung des Sprachangebots bis zum Oberstufen-Niveau wären Instrumente, ausländischen Akademikern eine gleichberechtigte Teilhabe an der Arbeitswelt zu ermöglichen. Angebote wie das der Universität Oldenburg und des Otto-Benecke-Akademikerprogramms müssen daher flächendeckend und für möglichst viele Fächer eingerichtet werden. Zudem fehlt ein positives Signal. Einwanderung wird in Deutschland zu oft mit Angst, Gefahr und Unsicherheit verbunden. Dabei steht fest: „Der Zuzug ausgebildeter ausländischer Arbeitskräfte ist kein bürokratisch einzugehendes, notwendiges Übel, sondern ein lebenswichtiges Element der deutschen Zukunft.“  Deutschland kann sich das Verschwenden von Potenzial schlicht nicht länger leisten – weder gesellschaftlich, noch wirtschaftlich. Deshalb braucht es Spitzenköpfe, heute mehr denn je. Denn es steht fest: Je höher der Bildungsabschluss, desto eher gelingt die Integration, desto geringer ist die Gefahr von Arbeitslosigkeit oder der Bezug sozialer Transferleistungen. Es ist im Interesse aller, Migranten in Deutschland eine Perspektive zu geben. Karrieren statt Barrieren sollte dabei das Leitmotiv sein.

References

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David Metcalf, MAC-Vorsitzender, bei der Präsentation der Studie: www.ukba.homeoffice.gov.uk/aboutus/workingwithus/inbodies/mac/

http://www.focus.de/karriere/perspektiven/fachkraefte/tid-7359/migranten_aid_132146.html

Sieben Fragen an Klaus F. Zimmermann, „Hoch qualifizierte Zuwanderer brauchen Integrationsangebote“, in: Wochenbericht des DIW Berlin 42/2008, S. 645

Jasna Makdissi, 2008

TEXTS


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BIBLIOGRAPHY